Österreich – im Westen wird Ski gefahren, im Osten Wein angebaut. Ich weiß nicht mehr, wo ich diesen Satz vor Jahren schon gehört oder gelesen habe. Wichtig ist natürlich, dass Merksätze – oder besser gesagt Klischees – ab und an auf Herz und Nieren überprüft werden sollten. So auch dieser, denn im Winter kann man auch im Osten der Republik wunderbar Ski fahren.
Ach ja, hier geht’s ja um Wein. Dann halt andersherum: Auch im Westen wird Wein angebaut. Genauer gesagt in der Region Bergland, welche sich aus Kärnten, Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg zusammensetzt. Mit knapp über 240 Hektar Anbaufläche bewegen wir uns allein im Vergleich zum Weinviertel – dort sind es knapp 14.000 Hektar – im homöopathischen Bereich. Substanziell ist der Weinbau hier teilweise dennoch.
Kärnten, Karl und Klöster

Da die einschlägige Weinliteratur diese kleineren Anbauregionen im Westen des Landes gerne unter den Tisch fallen lässt, interessiert mich jene Ecke besonders. In diesem Artikel möchte ich Kärnten in den Fokus rücken. Der Anbau von Wein ist hier größtenteils noch immer ein Nebenprojekt. Würde man ihn als neues Hobby von Gastwirten bezeichnen, um Heerscharen von Wörthersee-Touristen zu bespaßen, griffe dies aber zu kurz. Reden wir lieber von einem Trend. Mittlerweile baut man hier auf 125 Hektar Wein an, Tendenz steigend. In den Klöstern geht der Weinbau, wie in anderen Regionen Europas, sogar bis auf über tausend Jahre zurück.
Mit der Homepage „Do woxt wos“ hat der Weinbauverband Kärnten seine Visitenkarte ins Netz gestellt. Dort wird auch ein schneller Ritt durch die Geschichte angeboten. So zeigt man sich auf der Seite nicht wenig stolz auf die erste urkundliche Erwähnung in Sachen Weinbau auf Kärntner Erde schon im 9. Jahrhundert. Hält man kurz inne, ist dies aber keine allzu große Überraschung: Schließlich kam der Weinbau in großen Teilen Europas unter Karl dem Großen in besagtem 9. Jahrhundert so richtig auf Touren. Die von Mönchen bewohnten Klöster prägten die heutige Weinkarte Europas entscheidend mit.
Freier Handel und falscher Mehltau
Aber warum wird heute im Osten der Republik wie in Niederösterreich, wo es Gebiete – wie die Wachau oder das Kremstal – von Weltrenommee gibt, so erfolgreich Wein angebaut und im Westen nicht? Dies lässt sich im Wesentlichen durch die folgenden Ereignisse erklären: Im 18. Jahrhundert wurden in Kärnten zunächst die Importzölle auf ausländische Weine aufgehoben. Damit war der Wettbewerbsvorteil einheimischer Weine plötzlich futsch. Denn was die klimatischen Bedingungen betrifft, hatten Kärntner Winzer seit jeher nicht die besten Karten. Durch den Klimawandel scheint sich das aber allmählich signifikant zu verbessern.
Den Rest erledigte in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts die aus den USA eingeschleppte Rebkrankheit Falscher Mehltau (Peronospora). Sie vernichtete die meisten verbliebenen Rebstöcke. Was man in mehreren Jahrhunderten aufgebaut hatte, wurde quasi über Nacht (was sind in diesem Kontext schon 100 Jahre) auf ein Minimum zurechtgestutzt.
Taggenbrunn: Kärntens Weinriese am Längsee

Umso höher ist es Weingütern anzurechnen, die sich dennoch berufen fühlen, auf Kärntner Boden Qualitätswein anzubauen. Eines davon ist Taggenbrunn. Seit 1997 baut das Weingut nahe der Burg Taggenbrunn am Längsee Wein an. Mittlerweile bewirtschaftet der Betrieb rund 40 Hektar und ist damit, laut eigener Auskunft, der größte in Kärnten. Kellermeister Hubert Vittori beschreibt im Gespräch mit Traubengucker die Stilistik in Kärnten so, „dass zu 90 Prozent der Weine in den frisch-fruchtigen Stil fallen und auch zum Großteil klassisch in Weintanks ausgebaut werden“. Nur wenige Weine würden demnach im Holzfass ausgebaut.
Stellvertretend habe ich mir den Pinot Blanc (Jahrgang 2020) von Taggenbrunn besorgt und ins Glas gegossen. Und der von Vittori angesprochene „frisch-fruchtige Stil“ klopft hier auch gleich in der Nase an: An der für Burgunder-Sorten typischen Gelbfrucht (ich schwanke hier zwischen reifer Birne und Honigmelone) kommt man hier nicht vorbei. Am Gaumen ist der Pinot Blanc aus der Reihe „Taste of Time“ tatsächlich überaus saftig und eine angenehm stimmige Begleitung zu einer Jause. Mit diesem Tropfen sollten auch Wein-Rookies etwas anfangen können.

Ich merke hier aber auch wieder, weshalb mich Pinot Blanc, also Weißburgunder, selten komplett begeistert: Bei sehr zurückhaltender Säure und Ausbau im Stahltank fehlt mir eine gewisse Charaktereigenschaft, die mich für den Wein einnehmen könnte. Hier sind wir aber im Bereich der persönlichen Präferenzen … Immerhin hat der Wein 91 Falstaff-Punkte, scheint also einen Nerv zu treffen (wenn auch nicht unbedingt meinen).
Burgunderreben statt Grüner Veltliner
Und tatsächlich sind es die weißen Burgunderreben, die in Kärnten dominieren, also Chardonnay, Pinot Gris (Grauburgunder) und eben Pinot Blanc (Weißburgunder). Aber auch der Blaue Burgunder (Pinot Noir) oder auch – wir sind hier schließlich in Österreich – Zweigelt kommen im Süden des Landes zum Zug. Apropos: Österreichs Haus- und Hofsorte, den Grünen Veltliner, muss man hier mit der Lupe suchen. Zudem würden PIWI-Sorten laut Hubert Vittori eher von kleineren Betrieben genutzt.
Vom Weingut Taggenbrunn zum Weingarten Beiersdorf sind es mit dem Auto nur 15 Minuten. Hier sitzt das Weingut Vinum Virunum, das zwar nur auf dreieinhalb Hektar Wein anbaut, dafür nach eigener Angabe aber elf Schafe besitzt. Bei Spätfrost kann den Reben also notfalls ein Schal gestrickt werden. Praktisch! Stilistisch orientiert man sich hier an der Nachbarschaft: „Wir vergleichen uns gerne mit Südtirol und der Schweiz“, erzählt mir Romana Candussi vom Weingut und schickt gleich die Erklärung hinterher: „Weil wir sehr viele Ähnlichkeiten haben: Weinberge ab 500 Meter, viel Niederschlag, kühle Nächte, viel Sonnenschein und generell ein voralpines Klima.“


Viel Sonnenschein kenne ich noch bestens aus meinem letzten Kärnten-Urlaub. Und so habe ich mir, damit sich der Sommer im tristen norddeutschen Oktober für mich nicht allzu schnell in Nieselregen und Windböen auflöst, entsprechend den Rosé von Vinun Virunum bestellt. Damit liege ich übrigens auch in diesem Zipfel der Welt voll im Trend, bestätigt Romana Candussi: „Die Nachfrage nach Rosé als Still- und Schaumwein steigt auch bei uns.“ Bei diesem Rosé spielt Zweigelt die Hauptrolle; der Jahrgang 2024, den ich im Glas habe, hat zudem auch Pinot Noir mit im Tank. Auffällig ist zunächst ein helles bis mittleres Erdbeerrot, hier ist eindeutig der farbintensive Zweigelt zu bestaunen. In der Nase eröffnet sich gleich ein Bouquet an roten Früchten, zuvorderst Himbeere, Erdbeere, aber auch Sauerkirsche. Da hat aber jemand sein Obstkörbchen bis zum Anschlag gefüllt.
Auf ein Glas mit Uschi
Am Gaumen setzt sich der Fruchteindruck munter fort. Hinzugesellt sich noch ein My Cranberry, das einen angenehmen herben Einschlag mit ins Gesamtbild einmassiert. An dieser Stelle schmeckt man den Pinot überraschend deutlich raus. Die 4,5 Gramm Restzucker pro Liter schmeckt man dagegen weniger raus, im Gegenteil: der Wein hat eine angenehm straffe Säure, die ihn zu einem vernünftigen Sommerwein macht.
Hier wähne ich mich innerlich schon auf einem Tretboot-Schwan auf dem Wörthersee treiben. Vom Ufer aus winkt mir Roy Black in seiner Rolle als Hotelbesitzer Lennie Berger in einem viel zu großen Sakko mit Schulterpolstern zu, während Elke Berger (Uschi Glas!) in einem Motorboot mondän an mir vorbeirauscht. Die RTL-Serie „Ein Schloss am Wörthersee“ aus den frühen 90er-Jahren hat sich im Zuge dieses Artikels als echtes Rabbit Hole für mich erwiesen. In einer Folge gibt sich unter anderem der ehemalige Landeshauptmann Jörg Haider in einem Kurzauftritt, der den Begriff Laientheater auf ein ganz neues Level hievt, stilecht in einem Trainingsanzug aus Ballonseide die Ehre. An dieser Stelle musste ich naturgemäß kurz innehalten und mich fragen, ob das nicht doch das Ergebnis meines Rosé-Konsums war, aber nein – hier ist der Beweis:
Noch kein Gipfelstürmer dabei
Nach einer kalten Dusche geht’s zurück zum Rosé von Vinum Virunum: ein Sommerwein, ja. Aber was ihm aus meiner Sicht eindeutig fehlt, ist ein längerer Nachhall. Zu schnell verpufft der Aromenkomplex im Mund und es bleibt erstaunlich wenig. Und so hatte ich mir zur Sushi-Platte insgeheim doch lieber einen Riesling Kabinett von der Mosel herbeigesehnt. Aber, mei, nur in einer RTL-Kitsch-Serie kann man schließlich alles haben.
Ein Kärntner Wein, der durch die Decke geht, war also nicht dabei. Für Enttäuschung bleibt hier aber kein Raum, schließlich ging es mir eher darum, diese sympathische kleine Weinbauregion überhaupt etwas ins Schaufenster zu stellen und ihre – noch nicht ganz ausgereiften – Charakteristika hervorzuheben. Zumindest mit einem Auge sollte man die aufstrebende Region in jedem Fall im Blick behalten. Selbiges gilt natürlich auch für die anderen westösterreichischen Regionen, die unter Bergland zusammengefasst sind. Beim nächsten Besuch wird weiterprobiert, keine Frage. Das see ich kommen.


