Der Ortskern Sulzfelds am Main
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Silvaner-Schisma vom Sonnenberg: Blauer und Roter Silvaner aus Franken

Einmal mehr war ich im wunderbaren Weinland Franken unterwegs. So wenig man an der Ahr am Spätburgunder vorbeikommt, ist es hier der Silvaner, der einen nicht mehr aus dem wohlmeinenden Würgegriff lässt. Zeit, sich also einmal mit dem bunten Strauß an Silvaner-Mutationen auseinanderzusetzen: Neben dem bekannten Grünen Silvaner gibt es noch den Blauen, den Roten und sogar einen Gelben. Der Silvaner-Vielfalt scheinen also keine Grenzen gesetzt. Gänzlich in Schwarz gekleidet machte ich mich auf den Weg zu Menschen, die sich damit auskennen.

8. Mai, 16:09 Uhr: Das Taxi schmeißt mich am Oberen Maintor in Sulzfeld raus. Eigentlich wollte ich den rund einstündigen Weg von Kitzingen aus zu Fuß bewältigen. Spontane Planänderungen, die unter dem Oberbegriff Fußball einzuordnen sind, zwangen mich aber dazu, meinen Antrittsbesuch in Sulzfeld in größter Eile vorzuverlegen. Und da die Busse, anders als in meiner Heimatstadt, nicht im Fünf-, sondern günstigstenfalls im 55-Minuten-Takt fahren, ließ ich mich von einem angenehm schwermütigen Taxifahrer ins offizielle „Heimatdorf 2021“ (verliehen vom Bayerischen Heimatministerium) kutschieren.

Von der Wurstspirale zum Weinberg

Das Obere Maintor in Sulzfeld
„Zwei Taler, junger Wandersmann!“ Ein wenig war ich enttäuscht davon, dass mir kein Stadtwächter zunächst den Zugang durchs Obere Maintor verwehrte.

Selbstredend habe ich mich im Vorfeld informiert: So ist Sulzfeld nicht nur Heimat verschiedener Top-Weingüter (ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass dies der primäre Grund für meinen Besuch ist), sondern auch die der Meterbratwurst – eine in Schneckenform gepresste Völlerei. Leider war es mir nicht möglich, die 100 Zentimeter Wurstbrät in Naturdarm zu fotografieren … wie schon angedeutet: Die Zeit pressierte. 

Mein erster Weg führt mich in die Papiusgasse zum Weingut Brennfleck. Zwar schneie ich unangekündigt kurz vor Feierabend rein, anders als in jeder zweiten Galeria-Filiale werde ich aber dennoch mit einer überschwänglichen Herzlichkeit empfangen, die mich die gedämpfte Taxifahrt vergessen lässt. 

Nicht nur, dass ich umgehend gefragt werde, welchen Wein ich probieren möchte – mir wird dreißig Minuten vor Toresschluss auch noch angeboten, einen Blick in den Keller zu werfen. Sulzfeld – die heimliche Hauptstadt vom Schlaraffenland. In die Weinfässer zu beißen, in der Hoffnung, sie seien aus Marzipan, kann ich mir gerade noch verkneifen … Verkneifen kann ich mir dagegen nicht, dass ich schon vor Ort den Blauen Silvaner vom Sulzfelder Sonnenberg probiere (dazu an späterer Stelle aber mehr). Sulzfeld selbst ist quasi eingerahmt von seinen beiden wichtigsten Lagen: der VDP Ersten Lage Sulzfelder Sonnenberg im Westen und der VDP Großen Lage Maustal im Süd-Westen – auf der anderen Seite ruht still der Main.

Die Lage Sulzfelder Sonnenberg
Der Sulzfelder Sonnenberg … apropos Schlaraffenland.

Roter Silvaner: Die Spur führt ins Elsass

Da sowohl Brennfleck als auch das Weingut Zehnthof Luckert in unmittelbarer Nachbarschaft um 17 Uhr schließen, mache ich mich von der Papiusgasse auf den Weg in die Kettengasse. Die nur knapp 200 Meter absolviere ich in weniger als drei Minuten – Zeitmanagement ist alles. Wirkte der Vorraum vom Weingut Brennfleck vornehm und altehrwürdig, bezirzt das Vestibül vom Zehnthof Luckert durch einen behaglichen Mix aus historisch und modern. Am vorwiegend modernen Verkaufstresen erstehe ich hier eine Flasche Roten Silvaner. Das VDP-Weingut füllt ihn als Ortswein ab, der Silvaner stammt also ausschließlich aus Sulzfeld.

Die Kirche St. Sebastian in Sulzfeld
Die Kirche St. Sebastian in Sulzfeld. Fehlt nur noch die schläfrige Katze auf der Friedhofsmauer.

Mit den zwei Flaschen – rot und blau – im Rucksack lustwandele ich aus dem Dorf hinaus und mache mich zu Fuß auf ins rund sieben Kilometer entfernte Marktbreit, wo es einen Bahnhof gibt – um meine Taxi-Kosten für diesen Tag zu deckeln, nicht unerheblich. Selbstredend führt der Weg durch die wunderbare VDP Große Lage Maustal (Selfies im Weinberg sind ein Thema für sich – ich könnte mittlerweile einen Jahreskalender rausbringen). Gegen 17.04 Uhr endet also mein kurzer, aber inhaltlich vollgepackter Antrittsbesuch in Sulzfeld. Ich verlasse den Ort dort, wo ich ihn eine Stunde zuvor vorgefunden hatte: am Oberen Maintor.

Gewissermaßen ist der Rote Silvaner eine doppelte Rarität. Nicht nur, dass die Rebsorte generell äußerst selten auftritt, das Weingut Luckert ist das einzige Weingut, welches in Deutschland diese Sorte führt. Dies bestätigte mir Wolfgang Luckert und fügte hinzu: „Wir haben Anfang der 2000er-Jahre das Pflanzgut über Umwege aus dem Elsass bezogen und offiziell als Rebsortenversuch aufgepflanzt und dürfen daher den Wein so benennen.“ 

Feldversuch mit Frankenfaktor

Zurück in Hamburg gieße ich mir den Roten Silvaner hochkonzentriert und quasi unter Laborbedingungen ins Glas (den weißen Kittel und die Schutzbrille lasse ich heute aber mal weg). Wie der Blaue hat auch der Rote Silvaner eine dunkle Traubenhaut, im Glas sieht man im gleißenden Strohgelb des Weins aber nichts davon. In der Nase fühlt er sich wie ein typischer Franken-Silvaner an mit einer rauchigen Note und Zitrustönen.

Ein roter, ein blauer und ein grüner Silvaner auf einem Küchenstich stehend.
Farbenspiele mit Silvaner: der Rote Silvaner (Luckert), der Blaue Silvaner (Brennfleck) und außer Konkurrenz der geläufige Grüner Silvaner (Bürgerspital). (Leider ist der Gelbe Silvaner nicht rechtzeitig angekommen.)

Frei nach dem Ausspruch „ein Maul voll Wein“ sollte man bei der ersten haptischen Begegnung mit einem unbekannten Wein nie zurückhaltend sein. Freilich kann dies auch mal nach hinten losgehen, nicht so hier: Knackig, rauchig, mineralisch – an einem heißen Tag wie diesem wie ein willkommener Köpfer in die freigegebenen Badestellen des Mains. Dazu gesellen sich Limone, etwas Pfirsich und etwas angenehm Florales. Dabei ist die Spontanvergärung sowie der Ausbau in großen Holzfässern nachvollziehbar. Starker Stoff, aber das ist man vom „Weingut des Jahres 2025“ (Auszeichnung der Vinum) gewohnt.

Und so deckt sich meine erste Einschätzung mit der Beschreibung des Weinvaters, Wolfgang Luckert höchstpersönlich, wenn dieser im Gespräch mit uns den Roten Silvaner im Vergleich zum Grünen beschreibt: „Der Rote Silvaner zeigt meines Erachtens nach mehr florale und blütige Komponenten, die ganz leicht an Traminer, eine der Elternsorten, erinnern.“

Und das ist ein perfektes Stichwort, denn der Rote Silvaner gilt zwar als eigene Mutation des Grünen Silvaners, letzterer stammt aber in der Tat von den Elternreben Traminer und Österreichisch Weiß ab. 

Blauer Silvaner: Mehr Extrakt, mehr Cremigkeit, mehr Potenzial?

Schalten wir nun aber von Rot auf Blau: Grundsätzlich wird der Blaue Silvaner deutschlandweit auf nur rund 30 Hektar angebaut – und ist damit eine echte Rarität. Gute 26 Hektar finden sich allein in Franken, einen ganzen Hektar nennt das Weingut Brennfleck sein Eigen. Das könnte sich aber langsam ändern, da der Blaue Silvaner gegenüber dem gängigen Grünen deutliche Vorteile aufweist: „Er ist lockerbeerig“, erklärt mir Hugo Brennfleck ein paar Tage nach meinem Besuch am Telefon und fügt erklärend hinzu: „Zudem hat er kleinere Beeren, dadurch kann man ihn länger hängen lassen. Das ergibt wiederum höhere Oechslegrade.“

Daraus ergebe sich ein entsprechend höherer Extraktgehalt im Most. Im Holzfass spontan vergoren und ausgebaut, entwickelt der Wein zudem eine ausgeprägte Cremigkeit. Gleichzeitig werde die Säure durch den Ausbau deutlich besser eingebunden, sodass der Wein insgesamt runder und harmonischer wirke.

Der Weinkeller vom Weingut Hugo Brennfleck
Ab sofort mein Vorbild für einen aufgeräumten Keller: der Weinkeller vom Weingut Hugo Brennfleck

Typisch Silvaner – oder doch nicht?!

Nun aber auch hier zum Praxis-Test: Freundlich strahlt mich der Blaue Silvaner hellgelb aus dem Glas an – ein zum Wein gewordener Smiley. In die Nase, wie auch schon beim Roten Silvaner von Luckert, strömen geradezu rauchige und mineralische Anklänge sowie eine kühle Eleganz, der ich nur wenig entgegenzusetzen habe. Und so muss ich direkt den ersten Schluck nehmen: Zunächst streiten sich zitrische Noten und Mineralik um die Hoheit im Glas, am Ende haben sie beide das Nachsehen, weil sich ein angenehmer kräutriger Schmelz am Gaumen ausbreitet und die kleine Rangelei zu Beginn fast schon vergessen macht. Dazu eine kreidige Note im Abgang. Ein Wein, der im Sommer zweifelsohne noch mehr beeindrucken sollte als im Winter.

Ob ich den Blauen wie den Roten Silvaner aus dem Stegreif hätte blind vom Grünen hätte unterscheiden können? Diese mir selbst gestellte Frage lasse ich jetzt mal unbeantwortet. Die beim Roten Silvaner von Luckert aber recht präsenten floralen Noten sollen mir in Zukunft aber eine leuchtende Boje im wilden Silvaner-Meer sein.

Silvaner-Schisma: Eine Glaubensfrage in Blau und Grün

Interessanterweise hat sich rund um den Blauen Silvaner inzwischen so etwas wie eine kleine Glaubensfrage entwickelt: Ist er die Mutation des Grünen – oder war es am Ende genau andersherum? Die einschlägigen Rebsorten-Kompendien und auch das Bundessortenamt bleiben dabei ziemlich nüchtern und ordnen den Blauen Silvaner klar als Mutation des Grünen ein. In Franken sieht man das zum Teil inzwischen deutlich anders. Dort wird er gerne auch einmal als „Ur-Silvaner“ gehandelt – so etwa beim Weingut Brennfleck auf der eigenen Homepage.

Als Begründung dient unter anderem die Farbe selbst: die Anthocyane in der Beerenhaut, also jenes bläuliche Pigment, das dem Blauen Silvaner seinen Namen gibt. Könnten diese Farbstoffe wirklich „aus dem Nichts“ im Grünen Silvaner entstanden sein, der sie nachweislich nicht ausprägt? Und haben sich nicht einst die Vögel aus größten Höhen bevorzugt an den blauen Trauben orientiert, weil grüne im Blätterdach praktisch unsichtbar blieben? In dieser Erzählung wäre es also nicht der Blaue, der aus dem Grünen hervorging – sondern genau umgekehrt.

Das Weingut Zehnhof Luckert in Sulzfeld
Mehr als einladend: das Weingut Zehnthof Luckert

Fakten, Fährten und Fragezeichen

Es wäre vermutlich Stoff für einen eigenen Artikel, vielleicht sogar für eine kleine wissenschaftliche Detektivgeschichte im Weinberg. Mehr als ein Anreißen soll hier deshalb nicht erfolgen.

Um der Sache zumindest ein wenig den Boden der Spekulation zu entziehen, habe ich Rebveredler Reinhard Antes von der Hessischen Bergstraße um eine Einordnung gebeten. Seine Antwort fiel angenehm unspektakulär aus: „Wir haben leider keine weiteren Informationen über die Mutationsreihenfolge, die zur Farbänderung geführt hat.“

Damit bleibt es vorerst bei der klassischen Lesart: Blau-, Rot- (und Gelb-)Varianten sind aus dem Grünen Silvaner hervorgegangen. Ob das wirklich das letzte Wort ist? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Und vielleicht ist genau das auch gar nicht so wichtig. Nicht jedes Detail eines Weines soll sich bis zum Grund aufdröseln – genauso wenig, wie sich ein komplexes Glas jemals vollständig in Worte fassen lässt. Ein bisschen Geheimnis bleibt eben immer übrig. Und genau das schmeckt meistens am besten.

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