Denk ich an Deutschland … denk ich an Heinrich Heine.
Denk ich an Australien … zunächst an rote Weine.
… joa, ein einigermaßen kultivierter Einstieg ins neue Jahr. Während wir uns gerade mit Wärm- und Rotweinflasche durch die kalten Nächte bibbern, sieht es auf der südlichen Erdhalbkugel genau anders aus. In Australien etwa dürfte man bei Temperaturen um die 38 Grad Celsius am Strand eher in Richtung gekühltem Weißwein schielen. Was viele hierzulande oft überrascht: Auch in Down Under verfügt man über ausgewiesene Cool-Climate-Zonen, die ideal für weiße Rebsorten wie Riesling sind. Wer Australien also nur mit schwerem Shiraz aus Barossa Valley verbindet, hat eine echte Bildungslücke (die sich bei mir aber auch erst nach meiner WSET2-Ausbildung schloss).
Nun finden wir selbst in gut aufgestellten Weinläden von Flensburg bis Füssen im Australien-Regal überwiegend rote Weine und hie und da maximal mal einen oft ebenso wuchtigen Chardonnay, der nicht nur im Holz lag, sondern ausgiebig darin badete. Mein Glück ist, dass ich einen reisefreudigen Schwager habe, der um meine Weinleidenschaft nicht nur weiß, sondern auch höflichst vorher fragt, was dem Herrn denn so beliebe. Zudem ist er Ingenieur und entsprechend erfindungsreich und gut darin, möglichst viele Flaschen in seinem kleinen Trolley zu verstauen – beneidenswert, wenn man, wie ich, schon mit der kleidungstechnischen Grundausstattung für ein Wochenende am Main an seine Grenzen kommt.

Nicht gebeutelt von Känguru-Hitze: Kühle Weißweine aus dem modernen Australien
Aber kommen wir zurück zum Thema. Australien baut rund 55 Prozent rote Rebsorten an. Satte 45 Prozent entfallen auf weiße Rebsorten. Unangefochtene Nummer 1 bei Weißweinen ist Chardonnay. Die Sorte nimmt rund 18 Prozent der Anbaufläche ein und ist damit die zweithäufigste Rebsorte des Kontinents nach Shiraz. Es folgen Sémillon, bekannt aus dem Bordeaux, und Sauvignon Blanc, bekannt von der Loire. Letztere erlebt weiter östlich in Neuseeland gerade ihren zweiten Frühling.
Um nun aber nochmals auf den weiter oben bereits angesprochenen Riesling zurückzukommen, geht es nach Südaustralien: Dort liegen die beiden Cool-Climate-Zonen Clare Valley und Eden Valley. Diese beiden Riesling-Anbaugebiete liegen nördlich der Stadt Adelaide. In Clare Valley dominieren kalkhaltige Terra-rossa-Böden. Vom südlich gelegenen Spencer Golf ziehen kühle Winde, teilweise mit antarktischer Frische, vom Meer durch die Weinreben, die teilweise auf 400 bis 500 Metern Höhe wachsen.
Riesling mit Rheingau-Gefühl

Stellvertretend für Clare Valley habe ich den Riesling „Traditionale“ von Pikes aus den Ausläufern der Mount Lofty Ranges, einer Bergkette, im Glas (Jahrgang 2024). Dieser Riesling hat einen derart schlanken Körper, dass er auch durch jedes Heizungsrohr gepasst hätte – kommt aber aus dem Stahltank. Will sagen: Hier haben wir einen Wein mit straffer Säure, einem Hauch Limette und wunderbar rauchiger Note im Glas, der quasi nach Austern und Meeresfrüchten schreit (der Fischkopf auf dem Etikett gibt also schon die Richtung vor). Von der Stilistik her, denke ich hier spontan an den Rheingau. Niemals wäre mir bei einer Blindverkostung Australien in den Kopf gekommen.
Gleichzeitig ist dies, durch die europäische Brille betrachtet, aber auch sein Problem: Für diesen Wein, so gefällig er auch sein mag, muss man nicht bis ans andere Ende der Welt reisen. Es reicht die RB10 ab Wiesbaden Hauptbahnhof in Richtung Koblenz.
Die Söhne von Eden machen von sich Reden
Etwas südlicher, direkt neben dem Barossa Valley, liegt Eden Valley. Auch hier hängen die Trauben hoch. Höhenunterschiede von bis zu 500 Metern zeigen, warum in diesen Lagen Riesling gedeiht. In den tiefer gelegenen Bereichen, wie dem Barossa Valley, wächst hingegen Shiraz.
Das Weingut Sons of Eden produziert hier in Eden Valley unter anderem Riesling – und was für einen. Der „Freya“, benannt nach der nordischen Liebesgöttin, hat im direkten Vergleich zum Pikes-Riesling zwar weniger Rauch und Mineralik in der Nase, dafür aber bereits jetzt – wir haben den Jahrgang 2025 im Glas (die Weinlese findet hier im Frühjahr statt) – Anklänge von Petrol. Zudem zeichnet er sich durch eine feine Gelbfruchtigkeit aus, welche sicherlich auch der längeren kühlen Gärung geschuldet sein wird. Im Anschluss lässt das Weingut die Jungweine noch vier Monate auf der Hefe ruhen. Alles in allem gute Argumente, den 25er-Jahrgang noch das ein oder andere Jahr im Keller nachreifen zu lassen. Eine sachte Honignote im Nachhall sorgt allerdings wiederum dafür, dass die zweite Flasche doch schon gleich im Anschluss geöffnet werden soll. Ach so, wir haben nur eine? Hm, schade …
Werther’s Echte im Glas – aber bitte mit Säure
Riesling, Grauburgunder, Sauvignon Blanc und Chardonnay wachsen auch weiter südlich in den Adelaide Hills – ein relativ kühles Klima und viel Wald machen’s möglich. Sogar Schaumweine erhalten hier ihr notwendiges Säuregerüst. Im Winter, also wenn es bei uns Sommer ist, kann es für australische Verhältnisse recht viel regnen (also wie bei uns im Sommer).
Und so ist etwa der Chardonnay vom Weingut Acmé einerseits ein typischer Vertreter seiner Zunft, weil er – im Holz ausgebaut – mit Vanille- und Karamell-Noten nicht nur nicht geizt, sondern auch Werther’s Echten schon Konkurrenz macht. Andererseits ist er von der Haptik her keine fette Chardonnay-Bombe. Er verfügt über einen maximal mittelschweren Körper bei nicht fehlender Säure – hier schmeckt man das kühlere Klima deutlich.
Und apropos Chardonnay: Hervorragende Bedingungen für burgundische Rebsorten finden Winzerinnen und Winzer im Weinstaat Victoria, allen voran im Yarra Valley um und bei Melbourne. Hier sind Pinot noir und Chardonnay die Stars. In den 1980er-Jahren gründete die französische Luxusmarke Moët & Chandon hier ihren Ableger Domaine Chandon und produziert seit ehedem dort australische Schaumweine auf Spitzenniveau. Das prickelt!
Australien und Austria liegen auf Tasmanien dicht beieinander

Schauen wir noch kurz, dass keine Haie in Sichtweite sind, und schwimmen rasch rüber nach Tasmanien. Die Insel vor der Südküste des Kontinents bietet grundsätzlich beste Bedingungen für Rebsorten, die ein kühleres Klima brauchen. Geografisch liegt Tasmanien etwa auf Höhe von Neuseelands Südinsel und ist auch ein fruchtbarer Boden für Schaumweine: Pinot noir und Chardonnay zählen hier folgerichtig zu den wichtigsten Sorten. Sogar das wichtigste Weingut des Landes, Penfolds, baut immer mehr Chardonnay auf Tasmanien an.
Entsprechend sind die Weine leichter und frischer als die Konkurrenz vom Festland. Interessanterweise hat mir mein Schwager das genau Gegenteil mitgebracht. Achtung, jetzt kommt’s: einen Grünen Veltliner vom Weingut Sinapius, dessen Trauben zur Hälfte im Eichenfass ausgebaut wurden und der die malolaktische Gärung durchlaufen hat (die straffe Äpfelsäure wird in Milchsäure umgewandelt). In Österreich hätte ein solcher Wein den Hinweis „Reserve“ auf dem Etikett. Diese Vorwarnung hatte ich nicht …
Auf ein typisches „Pfefferl“ eingestellt, hatte ich einen Wein von mittlerem Körper und deutlichem Vanille-Aroma im Glas. Dennoch: Trotz des wunderbaren Schmelzes im Nachhall, verfügte dieser Grüne Veltliner noch immer über eine vitale Frische und leichte Kräuternote, die ihn so wiederum von einem typischen fetten Aussie-Chardonnay unterscheidet. Eine echt spannende Überraschung und gleichzeitig ein Gaumenschmeichler. Wenn Tasmanien jetzt noch Mozartkugeln herstellt, wird’s aber langsam unheimlich.
Spät gelesen, früh begeistert: Tasmanischer Riesling zum Finale

Unheimlich interessant soll auch der lukullische Abschluss dieser australischen Weißweinreise werden. Die Trauben für den Riesling vom tasmanischen Weingut Mewstone wurden erst Ende April gelesen. Anschließend erfolgte die Verarbeitung per Ganztraubenpressung – bei Riesling nicht ungewöhnlich. Die Stängel und Stiele fungieren als sperriges Netz. So werden die Traubenkerne beim Pressen nicht aufgebrochen und Bitterstoffe gelangen nicht in den Wein.
Die Spontanvergärung findet ganz gemächlich in alten Holzfässern statt. Und das merkt man sofort: Wir haben einen kräftigen Wein im Glas, der von der Konstruktion her an ein deutsches Großes Gewächs erinnert. In der Nase macht sich zugleich eine buttrige Note breit, dazu Dill und Gurke. Am Gaumen präsentiert sich ein ausbalancierter Wein von mittlerem Körper. Gut eingebundenes Holz und eine vitale Säure machen Lust auf einen zweiten Schluck. Im langen Nachhall klopft noch kurz der Honigtopf hinten ans Zäpfchen. Bei diesem Wein stimmt einfach alles. In seinem Online-Shop bietet Mewstone den Wein für 60 australische Dollar, umgerechnet rund 34 Euro, an – für dieses Geschmackserlebnis fast schon ein Schnäppchen.

Zum Ende unseres Weißweinexkurses nach Down Under sei noch erwähnt, dass auch Marsanne, Chenin Blanc, Rousanne, Viognier sowie Gewürztraminer unter australischen Winzerinnen und Winzern eine feste Größe sind. Letzterer ist besonders im Zusammenhang mit der buchstäblich naheliegenden asiatischen Küche in halbtrockener Form (ab und an auch mit Riesling verschnitten) eine populäre und bestens funktionierende Weinbegleitung.
Zwischen Eukalyptus und Schiefer
Ganz ohne lange Flugstrecken mit Thrombosestrümpfen und handtellergroßen Spinnen endet hier unser Australien-Trip. Und klar, geneigte Wein-Fans in Oslo, Madrid oder London würden ihre Rieslinge sicherlich auch in zwanzig Jahren noch aus dem Rheingau, von der Mosel oder aus dem Elsass beziehen. Andersherum haben Weinfreunde in Sydney, Canberra oder Melbourne ihren Garten Eden auch direkt vor der Tür. Und ob wir bei einem Blind-Tasting (gute Idee!) Elsass und Eden Valley spontan hätten unterscheiden können, steht auch auf einem anderen Eukalyptus-Blatt.
Um also mit einem leicht abgewandelten Zitat von Andi Möller zu enden: Mosel oder Melbourne – Hauptsache Riesling.


