Da dieser Blog bekanntermaßen den Subtitel „Weine abseits des Mainstreams“ in seinem Briefkopf führt, wäre ein Artikel über das mittlerweile alles andere als mainstreamige Südtirol etwas merkwürdig bis irreführend. Nun war ich aber trotzdem vor Ort und möchte den ein oder anderen interessanten Aspekt meiner Reise in dieses abwechslungsreiche (hier ist es zur Abwechslung wirklich keine Phrase) Weinanbaugebiet erzählen. Vielleicht zoomen wir einfach etwas stärker ran und picken uns eine Rebsorte raus, die – anders als Vernatsch, Pinot grigio, Weißburgunder oder Gewürztraminer – nicht schlagartig zuerst genannt wird, wenn es eben um Südtirol geht, zum Beispiel: Silvaner.
Im Südtiroler Rebsortenspiegel rangiert der Silvaner im gerade noch zählbaren Bereich mit einem Prozent Anbaufläche auf dem drittletzten Platz – also quasi der Relegationsplatz der Fußball-Bundesliga. Und Fußballfans wissen: Da tummeln sich meist die interessantesten und traditionsreichsten Vereine. Von der Spitze grüßt der FC Bayern der Südtiroler Rebsorten: der Pinot grigio mit satten zwölf Prozent Anbaufläche. Es folgen Chardonnay und Gewürztraminer (beide bei elf Prozent) – sozusagen sichere Champions-League-Plätze. Aber lassen wir die Fußball-Allegorien jetzt mal in der Mottenkiste …
Der Silvaner ist eine Traube, die ursprünglich aus Österreich stammt. Dort spielt er heute aber allenfalls nur noch eine Statistenrolle. Adoptiert haben ihn besonders die deutschen Anbaugebiete Rheinhessen und vor allem Franken, wo er auch eindeutig zum Lieblingskind avancierte (und sich entsprechend alles erlauben darf: Edelstahltank, Holzfass, Secco, Schorle …) Aber auch im französischen Elsass gehört er zum hiesigen Rebsortenadel, allerdings zumeist mit einem Vokal weniger auf dem Etikett: Sylvaner. Interessanterweise hält sich die Schreibweise im Alto Adrige, also Südtirol, die Waage: Silvaner oder Sylvaner findet man beides.
Die weiße Wende: Südtirols Aufstieg

Und dass Silvaner immer häufiger in Südtirol zu finden ist, hat die Rebe dem besonderen Prozess zu verdanken, dem sich das Anbaugebiet unterzogen hat. In den letzten fünf Jahrzehnten wurde konsequent von Rot- auf Weißwein umgesattelt, konkret: von dünnen Rotweinen überschaubarer Qualität (das mit dem Niveau war in den 1960er-/1970er-Jahren in vielen Regionen Italiens ein Problem) zu teilweise hochwertigen Weißweinen mit Alleinstellungsmerkmal. Heute haben die Top-Restaurants des Landes von Mailand bis Palermo mit Sicherheit einen Weißwein aus Südtirol auf der Karte.
Der Großteil der Weine kommt unter der umfassenden Mantel-DOC „Alto Adige“ in den Handel. Geradezu prädestiniert für Silvaner ist aber die DOC Eisacktal (Valle isarco). Auf kargen Böden und spektakulären Steillagen entspringen mineralische Weine mit lebendiger Säure flussabwärts von Brixen über Klausen bis vor die Tore Bozens.
Apropos Klausen, in dem knapp über 5.000 Einwohner zählenden Örtchen habe ich den, Achtung hier mit Y, Sylvaner der Kellerei Eisacktal probiert, welcher hier auf 520 bis 850 Metern Höhe wächst – einer Dimension, bei der selbst geübte Moselfans schon gottesfürchtig nach oben schauen, sich Reinhold Messner aber gerade mal die Schuhe zuschnürt.
Eisack Newton und die Relativität des Schmelzes

Obwohl dieser Tropfen von der Kellerei selbst vor allem als „frisch am Gaumen“ vorgestellt wird (so weit so nachvollziehbar), wirkte er für mich – unerwarteterweise – schon recht reichhaltig und voll im Mund. Immerhin lag der Wein sechs Monate im Edelstahltank auf der Feinhefe, was ihn – wir haben selbstverständlich keinen BSA (biologischer Säureabbau, d.h. die Umwandlung von Äpfel- in Milchsäure) durchlaufen – fast schon mit einem angedeuteten Schmelz ausstattet. Zudem haben wir Limette in der Nase und einen Funken Mineralik. Im direkten gedanklichen Vergleich mit der einschlägigen fränkischen Fraktion aber eine weniger expressive Kräuteraromatik. Dennoch ein wunderbarer Auftakt, gerne mehr davon!
Zwei Tage später hatte ich in der Landeshauptstadt Bozen, wo der Eisack in die Etsch mündet (selbstverständlich nach den Naturgesetzen von Eisack Newton), die Gelegenheit zu einem weiteren Silvaner aus der Region – diesmal mit i. Beim Besuch der Kloster-Kellerei Muri-Gries bekam ich gleich den neuen Jahrgang (2025) ins Glas. Der Silvaner stammt direkt aus dem im Tal liegenden Bozen und hat entsprechend etwas weniger Höhenluft geatmet – auf gut 500 Meter kommen wir hier aber auch.
Und in der Tat haben wir nun einen wirklich frischen Vertreter im Glas, der ein willkommener und wohltuender Kontrapunkt zum ersten Sonnenbrand des Jahres ist. Am Gaumen: ein deutlich schlankerer Körper als sein Vetter aus dem Eisacktal, dazu aber eine interessante Feuerstein-Note. Und als ich den Blick, für einen Moment im Einklang mit der Welt, langsam über die Rebstöcke und entlang der Klostermauern streifen ließ, fragte ich mich, warum Silvaner weltweit eigentlich so selten angebaut wird. Schade.

Mehr Kern als Kork: Südtirols heimliche Bilanz
Aber sammeln wir uns kurz wieder und nutzen die Pause für ein kurzes Round-up, bevor es wieder zurück in die Praxis geht. Fährt man über den Brenner in Richtung Gardasee oder Venedig bekommt man den Eindruck, Südtirol bestehe ausschließlich aus Rebflächen. Das täuscht. Mit rund 5.900 Hektar Weinrebfläche ist Südtirol sogar ein sehr kleines Anbaugebiet (zum Vergleich: das überschaubare deutsche Qualitätsanbaugebiet Franken hat 6.100 Hektar). Demgegenüber steht, dass Südtirol als das größte geschlossene Anbaugebiet für Äpfel Europas gilt: Hier haben wir mit rund 18.000 Hektar eine mehr als dreimal so große Fläche wie die im Vergleich zum Wein. Nicht, dass irgendwer noch auf die Idee kommt, Cidre zu machen.
Wir sind noch immer in Bozen, genauer im bevölkerungsreichsten Viertel der Stadt, in Gries-Quirein am rechten Ufer des Flüsschens Talfer (jetzt haben wir alle drei Flüsse rund um Bozen komplett). Die ursprünglich unabhängige Ortschaft Gries wurde durch die Faschisten 1925 ein Teil Bozens und als Konsequenz dessen von einer Vielzahl neuer und vor allem großer Straßen durchzogen sowie mit gewaltigen Gebäuden ausgestattet. Es sollte der vorzeigbare Teil des faschistischen Größenwahns von „Groß-Bozen“ werden.
Gries: Zwischen Kloster, Kult-Label und Kellerei-Quader

Der Ortskern ist zum Glück noch immer erkennbar: Nur einen Steinwurf von der Kloster-Kellerei Muri-Gries entfernt, gibt es eine kleine Piazza, wo man zwischen Aperol und Americano gewohnt schnell auf typisch italienische Betriebstemperatur kommt. Dort stand auch knapp 100 Jahre die Kellerei Gries, bis sie sich 2001 mit der Kellerei St. Magdalena zur Kellerei Bozen zusammenschloss. Man zog etwas weiter in den Osten des Stadtgebiets und baute sich einen überdimensionalen Quader, in dem alle Produktionsschritte und die Verwaltung untergebracht (fast hätte ich gesagt zusammengewürfelt) sind – heute ist die Kellerei Bozen eine der wichtigsten und einflussreichsten Winzergenossenschaften der Region.
Damit der Abschied aus Südtirol nicht so allzu schwer fällt, habe ich mir aus dieser Kellerei für zu Hause noch einen weiteren Silvaner eingepackt und – wir sind ja schließlich Connaisseurs – bis zur Spargelzeit mit dem Öffnen gewartet. Interessanterweise prangt auf dem Etikett noch das Logo und der Schriftzug der alten und nicht mehr in der Form existenten Kellerei (Cantina) Gries. Offenbar nutzt die Kellerei Bozen diesen historischen Namen (Vorabendmagazine würden sagen: das Kult-Label) weiterhin als Produktlinie. Auf dem Rücketikett ist jedenfalls offiziell die Kellerei Bozen als Abfüller zu erkennen … wine not.


Der Silvaner bleibt hier cool … Ötzi auch
Jedenfalls strahlt mich ein helles Goldgelb aus dem Glas an. Insgesamt bleibt dieser Silvaner aber erstmal vorsichtig zurückhaltend (verständlich – nicht jeder möchte eine fremde Nase in seiner Distanzzone haben), zugleich etwas zitrisch und durchaus klar. Am Gaumen ist er deutlich als Silvaner erkennbar: schlanker Körper, leichte Mineralik sowie eine präsente Kräuteraromatik, eventuell sogar etwas Pfeffer. Alles zusammen für meinen Geschmack aber etwas zu bescheiden, wenn nicht sogar karg. Dafür würde die Gletschermumie Ötzi, die drei Kilometer entfernt im Archäologiemuseum liegt, sich zweifellos nicht noch einmal bequemen und sich aus der Eiskammer herausschälen.
Die drei verkosteten Einstiegssilvaner stellen sicherlich kein vollständig repräsentatives Abbild dar; ebenso lag der Verkostung keine vorab ausgearbeitete Methodik zugrunde. Dennoch vermittelt diese stichprobenartige Annäherung einen aufschlussreichen ersten Eindruck, mit welcher Stilistik man hier ins Rennen geht. Und gerade im Vergleich zum Silvaner-Freistaat Franken nehme ich hier eine deutlich weniger ausdrucksstarke Kräuteraromatik und Mineralik wahr. Am Ende könnte das auch ein wesentlicher Baustein sein, weshalb ich fränkischen Silvanern im direkten Vergleich eher das in der Weinsprache etwas überstrapazierte Wort „Grip“ – im Sinne von Spannung und Struktur – zuschreiben würde.
Strukturiert ging es auf der Rückreise mit der Bahn jedenfalls nicht zu, was aber weniger an meiner klugen wie vorausschauenden Planung als am Transportunternehmen selbst lag. Das nächste Mal dann gerne mit dem Auto und sowieso unbedingt sofort wieder. Die Kiste Wein passt ja schließlich auch besser in den Kofferraum als in die Hutablage der zweiten Klasse. Ob’s dann aber eine Kiste Silvaner wird … mal schauen.


