Eine Straßenbahn vor dem Prager Kaffeehaus "Slavia"
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Einfach mal ausczechen: Weine aus Tschechien

Diesen Monat melden wir uns aus einem Land, in dem Bier vielerorts günstiger ist als Wasser. Dabei gibt es zig Gründe, weshalb man in Tschechien auch am Wein nicht stur vorbeigehen sollte. Kleiner Spoiler: Auch der ist hier günstig.

In der Tat ist Tschechien in erster Linie für seine Biere bekannt. Aussichtsreiche Lagen im Nordwesten an Elbe und Moldau sowie die fließende Grenze im südöstlichen Mähren zum österreichischen Weinviertel hin sind weinwirtschaftlich aber höchst interessant und lukrativ. Dabei liegt der Löwenanteil des ehemaligen tschechoslowakischen Weinbaus nun im Nachbarland: Nach der Spaltung des Landes 1993 sind zwei Drittel der Reben auf Grund und Boden der Slowakei geblieben. Wie in vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks hat man sich auch in Böhmen und Mähren des schweren Korsetts des kommunistischen Rationalisierungsfetischs entledigt, und eine junge Generation von Winzern mischt den Laden erfrischend auf. In Sachen Wachstum scheint man die Spitze in den vergangenen Jahren aber erreicht gehabt zu haben: Der Öffentlich Rechtliche Rundfunk Tschechiens vermeldete erst kürzlich, dass sich die Gesamtrebfläche aktuell auf 17.300 Hektar beläuft; Tendenz sinkend.

Stadtansicht von Prag
Die goldene Stadt im goldenen Licht: Rechts von der Prager Burg kann man sich den Abend im Weinberg vergolden.

Tschechien: Pinot und Pan Tau

Was den Rebsortenspiegel betrifft, trifft man bei den Weißweinsorten vor allem auf Müller-Thurgau, Riesling, Grüner Veltliner, Welschriesling, aber auch auf die Burgunder-Sorten Chardonnay sowie Weiß- und Grauburgunder. Und auch bei den Rotweinsorten spiegelt sich die geografische Nähe zu Deutschland, aber vor allem Österreich wider: Pinot noir, Blauer Portugieser, Zweigelt, Blaufränkisch, Sankt Laurent, aber auch Cabernet Sauvignon kommen hier in großer Regelmäßigkeit in die Flasche. Und selbstredend sind auch in Tschechien PiWi-Sorten, wie Johanniter, auf dem Vormarsch. Die Neukreuzung André hatten wir euch hier schon einmal genauer vorgestellt.

Das Weingut Jabloňka in Prag
Das Weingut Jabloňka im Prager Stadtteil Troja. Keinen Kilometer links davon entfernt liegt das Weingut Vinařství Zilvar (nicht im Bild).

Tschechiens Hauptstadt Prag selbst zählt sogar sechs Weinberge, die zusammen auf mutige 12 Hektar kommen (zum Vergleich: Wien bringt es auf knapp 700 Hektar). Auf einem davon sitzt das Weingut Vinařství Zilvar, dessen Weine in der – tschechischen – Weinfachpresse mehrmals mit Höchstbewertungen ausgezeichnet wurden. Nach einer zurückhaltend bis unfreundlichen Begrüßung im Verkostungsraum des Weinguts konnte zumindest der Riesling-Flight in Teilen überzeugen. Der 2021er Riesling aus der höchsten Lage „Amphitheater“ präsentierte sich klar und beeindruckend: schlanker Körper, zitrische Aromen, dazu eine leichte Petrol-Note; abgerundet von einem Hauch Honig. Bei einem Preis von umgerechnet rund 20 Euro pro Flasche allerdings gerade für tschechische Verhältnisse kein Dienstagabend-Wein.

Ein Riesling-Flight in der Vinařství Zilvar in Prag.
Altes tschechisches Sprichwort: Ein Riesling kommt selten allein.

Welcher Wein passt zu Knödeln?

Aber auch Chardonnay aus Tschechien muss sich nicht vor seinen Verwandten aus Frankreich verstecken. Bei unserer Burgunder-Verköstigung schnitt vor allem der „CH“-Chardonnay von Arte Vini aus dem tschechisch-österreichischen Grenzgebiet (südlich von Brünn) gut ab. Mit subtilem Holzeinsatz bleibt er ein fein-zarter Tropfen, der als preiswerte Alternative zu Chablis in Erwägung zu ziehen ist.
Etwas weiter östlich in Richtung slowakischer Grenze ist das Weingut Sedlák anzutreffen, dessen Grauburgunder die typische Pinot-Grigio-Stilistik aus Norditalien aufgreift – nicht spektakulär, aber authentisch und überzeugend: geradezu ideal für einen ersten Nachmittagsschoppen im Prager Frühling.

Tschechische Weine in einem Supermarkt
Czechia first: In Supermärkten findet sich in der Regel ein überraschend opulentes Angebot tschechischer Wein zu günstigen Preisen.


In eine ähnliche Kerbe schlägt der Grüne Veltliner von Filip Mlýnek. Das Weingut in Mähren, das nur einen Steinwurf vom niederösterreichischen Weinviertel entfernt liegt, zaubert auch das obligatorische „Pfefferl“ ins Glas. Bei guten zehn Euro für die Flasche befinden wir uns hier aber auch schon fast im oberen Bereich der Veltliner-Skala. Zu deftigen Fleischgerichten mit böhmischen Knödeln ist Grüner Veltliner (neben Schaumwein) aber – wenn es denn Weißwein sein muss – der Wein der Wahl. Sehr zu empfehlen ist für ein paar Cent beziehungsweise Kronen weniger Mlýneks Welschriesling: floral wie ein Blumenladen, etwas kandierte Früchte und Pfirsich bei insgesamt strafferer Säure als ein Müller-Thurgau. Der bringt an und Pfirsich richtig Spaß!

Wer es prickelnd mag, kommt um Tschechiens meistgetrunkenem Schaumwein „Bohemia Sekt“ nicht vorbei. Erst ab dem „Prestige“ kommt man hier jedoch in den Genuss einer traditionellen Flaschengärung.

Rosés führen hier vielerorts noch die Bezeichnung Klaret.

Warum an Prager Haustüren zwei Nummern prangen

Und dann gibt es noch die Geschichte zu Prags erster Weinstube „Zum grünen Frosch“. Sie wurde nachweislich erstmals zu Beginn des 15. Jahrhunderts erwähnt. Der Name stammt aus einer Zeit, in der sich die Prager noch nicht an Hausnummern, sondern an Wappentieren über dem Eingang orientiert haben („Zur goldenen Kanne“, „Zu den drei Geigen“ …). Interessanterweise prangen an Tschechiens Eingangstüren heute zusätzlich zwei Nummern: die Orientierungsnummer, quasi die typische Hausnummer, wie wir sie kennen. Auf einem roten Emailschild ist zudem die sogenannte Konskriptionsnummer festgehalten. Dies ist ein Nummernsystem, welches von der Habsburger-Monarchie im 18. Jahrhundert eingeführt wurde und – grob verkürzt – die Reihenfolge der Errichtung der jeweiligen Häuser anzeigt. Bis heute in Karlsbad, Pilsen, Prag und Co. eine gebräuchliche Größe für Behörden.

Der heutige grüne Frosch in Prag
Dreifache Orientierung: der grüne Frosch über der Tür, die Orientierungsnummer (blaues Schild) und die Konskriptionsnummer (rotes Schild).

Aber zurück zum grünen Frosch, dessen Geschichte der tschechische Schriftsteller František Nepil aufgeschrieben hat. Die Weinstube hatte, neben nur einer weiteren in der Altstadt, eine Lizenz zum Ausschank ausländischer Weine. Wahrscheinlich war dies der Grund, dass es sich der Henker Jan Mydlář nach seinem Hinrichtungsmarathon (27 Köpfe an einem Tag!) hier abends gutgehen ließ und einfach mal auf Durchzug schalten musste. Wir schreiben das Jahr 1621: In Mitteleuropa tobt der Dreißigjährige Krieg und es wurde gerade das Urteil über den böhmischen Ständeaufstand vollstreckt; wir finden uns aber auch in der kleinen Eiszeit wieder, weshalb einheimische Weine wahrscheinlich eher nach Essig geschmeckt haben dürften (insofern ist die Entscheidung für Weine aus dem Süden Europas durchaus nachvollziehbar). Nach heutigen Maßstäben soll die abschließende Rechnung jedenfalls die Größenordnung eines Weihnachtsgeldes betragen haben. Bei dem daraus resultierenden Kater hätte der ein oder andere Henker am nächsten Morgen sicherlich selbst versucht, sich den Kopf abzuschlagen.

Heute ist im grünen Frosch ein brasilianisches Restaurant ansässig – Caipirinha statt Cabernet. Aber auch dieses Getränk sollte man nur in Maßen genießen. Nicht, dass man abends noch aus einem Prager Fenster stürzt …

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